König Ortler

Erstellt: 19 Dezember 2020 by Sascha Köpplin

König Ortler
seit Jahrhunderten zieht der höchste Berg Südtirols Bewohner und Bergsteiger in seinen Bann.

Schon der Beiname des 3905 Meter hohen, versteinerten Riesen zeigt die einzigartige Stellung des Königs der Ostalpen.
Auch uns reizte der Ortler. Wer will sich schließlich nicht mit einem König messen?
So planten wir dann unsere gemeinsame Tour über den Normalweg für Anfang Juli. Wir – das sind Jochen und Fabian – Vater und Sohn.

Nachdem wir uns im Vorjahr auf mehreren Gletschertouren herangetastet hatten, sollte es nun in diesem Jahr der König Ortler sein.
In der Vorbereitung kam uns Manni zur Hilfe.
Einen Tag vor unserer spontanen Abfahrt konnten wir uns in Gummersbach unkompliziert ein paar Steigeisen und einen Eispickel leihen.
Tipps und Ansporn gab es kostenlos obendrauf. Danke dafür an dieser Stelle.

Am Donnerstag, den 02. Juli fuhren wir früh morgens aus Wenden los und erreichten am späten Nachmittag Sulden.
Das Suldental ist vom höchsten Gebirgsmassiv Südtirols umschlossen.
So gibt es keinen Durchgangsverkehr in Sulden und das Dorf ist nicht touristisch überlaufen. Auch ohne Ortlerbesteigung bietet die Umgebung allerlei Sehenswertes.
Das hat auch die Bundeskanzlerin erkannt, die hier schon öfter ihre Sommerurlaube verbrachte.
Auch wir genießen die Wanderwege rund um Sulden und wandern zur Akklimatisierung rauf zur Kälberalm.
Dort treffen wir auf den Hüttenwirt. Da wir an dem Tag die einzigen Gäste sind, kommen wir in ein längeres Gespräch.
Wir sind fasziniert von seinem Leben als ehemaliger Hirte, der 3 Monate im Jahr auf 2250 Metern lebt.
Es sind auch diese Begegnungen, die einen Urlaub in den Bergen besonders machen.
Immer wieder nutzen wir die Gespräche mit Bergsteigern und Anwohnern, um Informationen zur aktuellen Schneelage zu erhalten.
Wir wissen, dass der Berg seit dem 26. Juni gespurt und der Schnee sehr fest und noch weitestgehend spaltenfrei ist.
Eine Tour in Zweierseilschaft ohne Bergführer über den Gletscher des Ortlers stellt eine alpine Herausforderung dar.
Daher war uns beiden klar, dass wir kein unkalkulierbares Risiko eingehen würden. Nur bei niedriger Spaltensturzgefahr, bestem Wetter und guter Verfassung würden wir den Gipfel in Angriff nehmen.

Am Samstag machten wir uns gegen Mittag über den Weg 4 für 1,5 Stunden auf zur Tabarettahütte.
Der dortige Klettersteig mit der Schlüsselstelle Gele Knott ist einer der schwierigsten in ganz Italien.
Mein Vater machte bereits vor Jahren Bekanntschaft mit ihm. Von der Tabarettahütte geht es in Serpentinen durch Wälder, Wiesen, Geröll und Steinfelder.
Auf dem Hinweg kommt mir der Weg wunderschön vor. Auf dem Rückweg sollte ich diesen Gedanken verfluchen.
Nach kurzer Rast auf der Tabarettahütte auf 2556 m geht es weiter durch felsige Wege Richtung Payerhütte, die wir nach einer Stunde und 15 Minuten erreichen.
Wie ein Adler hockt die Julius-Payer-Hütte auf 3029 m auf einem Bergkamm und schmiegt sich mit ihrer grauen Fassade an den Fels des Ortlers.
Frisch gezapftes Bier auf der Sonnenterrasse und ein herrlicher Ausblick über die Berge Tirols wecken in uns die Vorfreude auf den kommenden Morgen.

Abende auf den Berghütten haben etwas Besonderes an sich. Insbesondere die urige Payer-Hütte mit ihrem über 100 Jahre alten Gebälk versprüht ursprünglichen und kernigen Bergsteigercharme.
Nach einem reichhaltigen Abendessen und einigen Gesprächen ziehen wir uns zurück. Dank Corona haben wir ein Viererzimmer für uns zu zweit.
Abends hören wir noch gemütlich Hubert von Goisern und machen unseren Gurt fertig. Mit einem Bier genießen wir still den Sonnenuntergang.
Doch gänzlich unbeschwert ist es nicht. In innerer Einkehr macht sich jeder seine Gedanken und auch Sorgen.
Der Respekt vor König Ortler nimmt zu, je näher die Nachtruhe rückt. Die Nacht ist kurz und zum Frühstück wird es wuselig auf der Hütte.
Die konzentrierte und gespannte Stimmung vor dem Aufbruch ist spürbar. Es geht los. König Ortler bittet zum Tanz.

Um 04:30 brechen wir im Schein des Vollmondes auf in Richtung Gipfel. Hunderte Meter weiter sehen wir die kleinen Lichter der Kopflampen von vorausgehenden Gruppen.
Beim schweigsamen Gang am Fels entlang hört man nichts, außer das helle Klimpern der eigenen Karabiner und Achter am Gurt.
Je weiter wir kommen, desto häufiger beraten wir uns über den Weg. Sich hier zu versteigen kostet nicht nur Zeit, sondern vielmehr auch Kraft, die einem am Ende dann fehlt.

Nach 45 Minuten in angenehmer Kletterei bis zum maximal III Grad erreichen wir das Wandl. Eine durch eine Kette gesicherte Steilwand.
Hier hat man die Wahl zwischen speckigen oder brüchigen Griffen. Langsam aber sicher geht die Sonne auf und taucht den Fels in ein goldgelbes Licht.
Wir genießen den Ausblick und sammeln Eindrücke, die sich in Fotos kaum festhalten lassen. 1,5 Stunden nach dem Aufbruch gelangen wir an den großen Gletscher.
Der Berg verändert ständig sein Gesicht und verlangt vom Bergsteiger, dass er sich sowohl am Fels als auch am Gletscher sicher bewegen kann.
Die Kletterei ist für uns jedoch ab hier vorerst vorbei und damit auch der weniger anstrengende Teil.
Vor dem Gletscher seilen wir uns an. 18 Meter Seil zwischen uns mit mehreren Bremsknoten.
Jeder trägt noch gute 20 Meter Restseil bei sich im Rucksack für eine mögliche Spaltenbergung. Selbstrettung, lose Rolle und Gardaklemme haben wir in den letzten Wochen häufig geübt.
Doch was ist schon Üben gegen die harte Realität eines bis zu 40 Grad steilen Gletschers.

Auf dem weitläufigen Gletscherplateau werden die Beine immer schwerer. Schlappseil lässt sich nicht mehr vermeiden.
Die Sonne brennt und trotz Sonnencreme und Halstuch merke ich, wie mir der Stern auf die Pelle scheint.
Ich stelle fest, dass ich zu warm angezogen bin. Die Suppe tropft mir in die Gletscherbrille, sodass ich nur noch schwer sehen kann. Die Pausen werden häufiger und länger.
Jedes Mal, wenn ich beim gesenkten Blick sehe, wie sich das Seil wieder strafft, wird mir bitterlich klar, dass mein Vater wieder losgeht und die Pause schon wieder vorbei ist.
Wie eine niederschlesische Bergziege zieht er mich mit seinen 67 Jahren durch das schier unendliche Weiß. Meine Füße schmerzen und im Wechsel sind meine Waden und Oberschenkel entweder steinhart oder weich wie Pudding.
Ich habe Durst und merke, dass ein Liter Wasser für den Weg deutlich zu wenig war. Weit kann es aber nicht mehr sein, denn immer häufiger kommen uns nun Grüppchen von oben entgegen.
Nach 3 Stunden und 40 Minuten ist der Gipfel dann endlich erreicht. Ein paar Schnappschüsse und Blicke in die Weite später, sichern wir unsere Rucksäcke und setzen uns geschafft in die Nähe des Kreuzes.
Natürlich sind wir nicht alleine auf dem schmalen Gipfelgrat und so ganz will die Anspannung hier nicht fallen. Für gewöhnlich genießen wir Berggipfel ausgiebig und bleiben auch gerne länger, aber auf dem Ortler weht ein eisiger Wind bei unter 0 Grad.
Haben die Finger zuvor noch in den Gletscherhandschuhen geschwommen sind sie hier oben schnell bitter kalt. Wir nehmen etwas Proviant zu uns und brechen zügig wieder auf.
Soll das der Höhepunkt gewesen sein? War das jetzt der Anstrengung wert?  Wir gehen circa 50 Meter den Gipfel hinab. Ich rufe meinem Vater zu, er möge warten.
Diese 50 entspannten Meter, fernab vom belebten Gipfel lassen in uns beiden die gesamte Anspannung des Tages schwinden. Wir fallen uns in die Arme und drücken uns lange.
Nun fühlen wir uns gelöst Wir schauen uns um und sind euphorisiert von der Landschaft, von unserer Leistung und von dem gemeinsamen Erlebnis.
Das, was wir auf dem Gipfel noch nicht realisierten, bricht nun aus uns heraus. Ich atme tief ein und mir fällt kein anderer Begriff zur Beschreibung ein als pure Glückseligkeit.
Als wir weitergehen und endlich andere Muskelpartien beansprucht werden, rufe ich meinem Vater noch zu, dass ich so nun locker 4-5 Stunden weitergehen könnte.
Eine halbe Stunde später bereue ich diese Worte. Der Schnee ist pampiger geworden und macht das Gehen schwer, zudem riskieren andere Seilschaften ohne Steigeisen die anderen Gruppen, da sie immer wieder wegrutschen.
Der Weg zurück zieht sich und schnell ist man wieder im Durchhaltemodus. Schritt für Schritt geht es weiter. Langsam wird mir klar, dass der Abstieg insgesamt wohl so 7 Stunden dauern wird.
Am besten denkt man einfach nicht drüber nach. Je nach Schneelage ist es notwendig, dass man sich an mehreren Stellen abseilt.
An diesen Punkten kommt es regelmäßig zu Staus. Es sind sogar Menschen am Berg, die sich das erste mal in ihrem Leben abseilen (lassen).
Nach insgesamt 4 Stunden kommen wir wieder an der Payerhütte an. Wir senden erste Lebenszeichen in Richtung Sauerland und holen unseren Flüssigkeitsmangel wieder auf.
Beim Abstieg von der Payerhütte muss ich die Zähne zusammenbeißen. Blasen an den Füßen, Sonnenbrand, Zitternde Muskeln und Schmerzen im Rücken lassen mich daran zweifeln wie in Gottes Namen ich den Hinweg nur als landschaftlich schön empfinden konnte.
Mein Vater geht vor mir, da er meinen schmerzverzogenen Gang nicht mehr von hinten sehen könne. Nach fast 12 Stunden reiner Gehzeit erreichen wir den Suldener Ortskern.
Noch nie habe ich eine abendliche Dusche so genossen und ich muss lange nachdenken, wann ich das letzte Mal in meinem Leben 13 Stunden am Stück geschlafen habe.
Die Anschlusstage verbringen wir im örtlichen Museum und den Gaststuben. Insbesondere die Geschichte des Ortler ist fesselnd und mit vielen schillernden Namen des Alpinismus verbunden.
Ein Besuch der örtlichen Museen lohnt sich. Es ist mir reichlich egal, dass ich am Folgetag wegen der Blasen mit Hausschuhen durch den Ort streife. Ich habe dem König getrotzt.
Besiegt wurde er von uns sicher nicht. Einen König Ortler besiegt man nicht, nur weil man ihn einmal bestiegen hat. Der Respekt vor dem Berg ist sogar noch größer geworden.
Aber auch der vor mir und der gegenüber meinem alten Herrn, der am Folgetag deutlich weniger jammert als ich es tue.
Wenige Tage später geht es für mich auf den Jakobsweg, während mein Vater für August eine Tour auf den Similaun plant.
Beides haben wir dann auch erfolgreich hinter uns gebracht und auch die nächsten Gipfel sind schon in Sicht.

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